Guten Abend Walker,
zwei ganz tolle Stücke zeigts Du uns ja da.
Zu Nr. 1 kann ganz klar gesagt werden, dass es sich um CNA B 74a (l: Schwurhand / r: Kopf) handelt (Markgraf Otakar III., Enns, um 1150/60).
Zu Nr. 2 kann weniger Konkretes gesagt werden. Deine aufmerksamen Anmerkungen treffen alle zu und könnten ein Hinweis auf Enns sein. Da es sich aber um einen bisher unedierten Typ handelt, ist etwas eindeutigeres schwierig. Die Motivik im 12. Jahrhundert ist ausgesprochen vielfältig und es werden vielerorts Münzbilder kopiert und imitiert. Vielleicht geht es etwas systematischer – von Außen nach Innen. Der Münzrand ist noch nicht mit dem klassischen donauländischen „Hufeisenrand“ (eig. Omegas) in Verbindung zu bringen; steht damit aber in direktem Zusammenhang, da sich aus der Trugschrift am Münzrand des frühen 12. Jahrhunderts, wie wir es aus Neunkirchen oder Krems um 1120/30 kennen, entwickelt. An einzelnen Münztypen CNA B 15 bzw. B 18 zeigt sich diese Abfolge recht gut. Zuerst Trugschrift, dann zunehmend abwechselnden wiederkehrende Buchstabenkombinationen bis hin zu regelmäßigen Kreuzen und dann den Omegas. Die Omegas können wohl in die späten 1140er, auf jedenfalls ab 1150 gelegt werden – das ist ja auch die Zeit, wo wir es mit dem klassischen „Samson“-Pfennig aus Krems zu tun haben, der von Anfang an mit den Omegas am Rand ausgeprägt wird (bis sich diese dann in den folgenden Jahrzehnten zu alternativen Randzeichenkombinationen entwickelten). Das heißt mit der vorliegende Abfolge von I O C V etc. sind wir noch recht früh innerhalb dieser Entwicklung und können mit einer Zeitstellung von 1130/40 rechnen. Sehr erinnern die Abfolgen auch an jene, wie sie bei CNA B 15 aufscheinen. Zu den Bildern: Das Vorderseitenbild ist recht bekannt bei den romanischen Münzbildern – es zeigt einen Engel nach rechts, der eine kleine Gestalt vor sich trägt. Dabei handelt es sich um die in der mittelalterlichen christlichen Mythologie weit verbreiteten Darstellung des „Seelentransports“, wie auch aus anderen Kunstgattungen bekannt (da sitzen dann noch Heilige wie Abraham, Isaak und Jakob in der Szene, zu denen die Seele der verstorbenen Person getragen wird). Das Motiv begegnet uns auf CNA B 14, B 21 aus der Mzst. Krems um 1130 und 1140; wodurch aber eine andere Herkunft nicht ausgeschlossen werden kann (CNA B 58 zeigt ebenfalls den Engel, Neunkirchen würde ich aber ausschließen). Die Rückseite zeigt nämlich eine zweitürige Architektur mit zwei frontalen Köpfen, die durch aus auch Verwandtschaften zu Kremser Typen zeigen. Da sind es vor allem die Ausführungen der Kuppeldächer der Türme, die sich mit CNA B 17. Nur so einige Überlegungen. Die Zeitstellung mit 1130/40 schätze ich als gut passend ein. Ob nun Krems oder aber vielleicht doch Enns als Prägestätte in Frage kommt, würde ich soweit mal offen lassen, da wir es in dieser Zeit mit extrem viel Motivwanderungen zu tun haben und die verschiedensten Punzenanalysen eigentlich zeigen, dass hier viel komplexer gedacht werden muss, wenn eben einzelne verschiedene Punzen auf Geprägen aller möglichen Mzst. des Donauraums zu finden sind.
Ich lege da zwei Aufsätze von Johannes Hartner nahe, die das sehr veranschaulicht zeigen (sind frei über academia abrufbar). Da haben wir nämlich wirklich einige neue fundierte Forschungsansätze, auch mit neuen Münztypen.
https://www.academia.edu/102169690/Der_M%C3%BCnzfund_von_Aue_VB_Neunkirchen_N%C3%96_Neue_%C3%B6sterreichisch_steirische_Pfennige_aus_der_2_H%C3%A4lfte_des_12_Jahrhundertshttps://www.academia.edu/43439561/Neue_Kremser_Pfennige_Motivwanderungen_zwischen_%C3%96sterreich_und_B%C3%B6hmen_um_die_Mitte_des_12_JahrhundertsLiebe Grüße
Asuryan